Vom Wildkaninchen zum Rassekaninchen
Alle heutigen Haustiere stammen von wildlebenden Tieren ab. Sie wurden vom Menschen im Laufe der Jahrtausende durch Zähmung zum heutigen Nutzwert gezüchtet. Diese Zähmung begann schon in der Steinzeit und war sicherlich keine leichte Arbeit. Als ein erstes gezähmtes Haustier wird der Hund genannt, welcher neben der Sicherung der Menschen auch für die Jagd benötigt wurde.

Das europäische Wildkaninchen lebte ursprünglich nur auf der Iberischen Halbinsel (Spanien, Portugal) und in Nordafrika. Nachdem es dort zwischen 1100 und 1000 vor Christus erstmals durch die Phönizier entdeckt wurde, verbreitete sich durch Handelsreisende, Seefahrer und Soldaten nach ganz Europa und sogar auf andere Kontinente. Es wurde fortan vom Menschen als Fleischlieferant genutzt.

Die Römer waren es, die das Kaninchen circa 100 v. Chr. erstmals in großen ummauerten Freigehegen (Leporarien) in Gefangenschaft als Nahrungsquelle hielten. Dies war der erste Schritt zur Domestikation (Haustierwerdung). Die eigentliche Zucht von Hauskaninchen begann aber erst viele hundert Jahre später. Es wird überliefert, dass es um 550 n. Christus die ersten zahmen von Menschenhand gezüchtete Kaninchen gegeben haben soll. Wegbereiter für die unaufhaltsame Verbreitung der Kaninchen als Fleischlieferant waren die französischen Mönchen, die die Tiere in Klöstern bereits in Käfigen hielten.
Der erste Hinweis auf Hauskaninchen in Deutschland stammt aus dem Jahr 1149. Damals verschenkte ein französischer Abt mehrere Hauskaninchen an das Benediktinerkloster Corvey, denn die jungen Kaninchen waren in dieser Zeit eine sehr begehrte Fastenspeise. Im Laufe der nächsten rund 300 Jahre nahm dann die Bedeutung des Kaninchens als Fleisch- und Pelzlieferan vor allem in Deutschland, England und Frankreich stetig zur.

Zwischen dem 15. Und 16. Jahrhundert wurde erstmals von Größen- und Farbunterschieden berichtet. Für die weitere Verbreitung sorgten insbesondere der Deutsche Ritterorden und die europäischen Kolonialmächte.

Die eigentliche Zucht von Rassekaninchen, wie sie uns heute bekannt ist, hatte ihre Anfänge im 18. Jahrhundert, vorwiegend in Frankreich und England. Das Seidenkaninchen, Vorfahre unseres heutigen Angorakaninchens, wurde bereits im Jahre 1707 erstmals erwähnt. Etwas später entstanden die ersten Formen der Großsilberkaninchen. Für den größten Aufschwung in der deutschen Rassekaninchenzucht sorgte jedoch wohl ein nicht so erfreuliches Ereignis, nämlich der Deutsch-Französische Krieg im Jahr 1870/71.
Die deutschen Soldaten machten bei der Besetzung von Frankreich erste Bekanntschaften mit der modernen Kaninchenzucht, also der Haltung in einzelnen Buchten und der zielgerechten Vermehrung. In Deutschland kannte man bis zu diesem Zeitpunkt nur die Gruppenhaltung in Gehegen und in den Viehställen.

Den ausschlaggebenden Impuls erhielt die Rassekaninchenzucht dann gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit der Gründung der ersten Kaninchenzuchtvereine in Deutschland und Frankreich, welche auch die ersten Zuchtziele festlegten. Den Aufschwung den Rassekaninchenzucht in den folgenden Jahren nahm, erkennt man daran dass es im Jahr 1850 nur vier verschiedene Rassen in Deutschland gab, aber rund 50 Jahre später waren es dann bereits zwölf verschiedene Rassen.
Es hatten sich bis dahin über 100 Vereine in ganz Deutschland gebildet und nur einige Jahre später waren es schon einige Hundert. Im Jahr 1907 kam dann durch den Bund Deutscher Kaninchenzüchter, welchem alle organisierten Vereine angehörten, der erste einheitliche Standard auf den Markt. Der Aufschwung hielt in den folgenden Jahren an und zwar bis zum Jahre 1933.
In den Jahren 1933 bis 1945 zielte die damalige Agrarpolitik, auch im Hinblick auf den zweiten Weltkrieg, darauf ab die Fleisch- und Pelzversorgung der Bevölkerung in den Vordergrund zu stellen, so dass vorrangig die sogenannten Wirtschaftsrassen wie der Deutsche Widder, Wiener, Großchinchilla, Helle Großsilber, Kleinchinchilla und Angorakaninchen) gezüchtet und gefördert wurden.



Dadurch, dass Kaninchen auch Küchen- und Gartenabfälle verwerten können, war eine sehr wirtschaftliche Haltung auf engstem Raum, auch ohne große landwirtschaftliche Nutzflächen möglich. Man nannte die Kaninchen auch die „Kuh des armen Mannes“, denn mit der Haltung der Kaninchen war eine billige Variante gefunden worden, um die Fleischlieferung für die Familien zu gewährleisten.
Aber auch in den Ballungsgebieten, wie dem Ruhrgebiet, stieg die Zahl der Kaninchenzüchter stark an, da die Haltung auch in kleinen Hinterhöfen und sogar auf den Balkonen möglich war und so rettete die Kaninchenzucht gar manche Familien vor einer Hungersnot.

Sie dienten als Nahrungsgrundlage für viele notleidende Menschen in diesen schweren Zeiten. Die eigentliche Rassekaninchenzucht als „Sportzucht“ und Hobby mit Rassenvielfalt war jedoch nahezu nicht mehr vorhanden. Nach Ende des zweiten Weltkrieges entstanden, bedingt durch die Teilung des alten Reichsgebietes zwei neue Dachorganisationen, die erst mit der Vereinigung Deutschlands im Jahr 1990 zusammenfanden.
Der ZDRK wurde Dachverband für ganz Deutschland. Dem ZDRK gehören heute 20 Landesverbände an und 160.000 Mitglieder sind in 5800 Vereinen und 400 Clubs organisiert. Wenn in der Rassekaninchenzucht nach dem verbindlichen Standard des ZDRK mittlerweile über 70 Kaninchenrassen in insgesamt 365 Farbenschlägen gezüchtet werden, so ist dies das Ergebnis einer langen und erfolgreichen Zuchtarbeit.

Heute stehen in der Rassekaninchenzucht der sportliche Wettbewerb sowie gesellschaftliche und soziale Aspekte im Vordergrund. Dabei werden die Kaninchen nicht mehr wie früher oft üblich, in irgendwelchen Kisten und Verschlägen gehalten, sondern in modernen und tierschutzgerechten Stallanlagen gezüchtet.
So hat sich die Rassekaninchenzucht im Laufe der Jahre den veränderten Lebensumständen angepasst und zu einer weitgehenden Umstrukturierung geführt. Durch das gestiegene gesellschaftliche Interesse an Natur und Ökologie konnten neue Personenkreise für die Kaninchenzucht erschlossen werden, die früher nur selten in den Kaninchenzuchtvereinen zu finden waren.
Das Hobby Rassekaninchenzucht erfreut sich nach wie vor größter Beliebtheit bei Jung und Alt und ist eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung in unserer heutigen schnelllebigen Zeit.













